Ein Tag auf Rügen
Rügen - Kreidefelsen
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Rügen
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Seebrücke Sellin
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Ein Tag auf Rügen

Es gibt nur wenige Naturlandschaften in Deutschland, die so facettenreich abgebildet, so literarisch beschrieben und so zahlreich besucht werden wie die Kreidefelsen auf Rügen. Der „Königsstuhl“ im Nationalpark Jasmund zieht jedes Jahr tausende Besucher und Naturliebhaber in seinen Bann. Doch es gibt jede Menge weitere Attraktionen auf Rügen zu bestaunen, die nicht nur das Herz der Naturfotografen schneller schlagen lassen.

Es ist erst kurz vor 7 Uhr, als ich mit meinem Auto den Bahnübergang bei Binz passiere, um zur kleinen Hafenstadt Saßnitz zu gelangen. Noch ist nicht viel los auf den Straßen, und die Fahrer mit Rügener Kennzeichen an ihren Fahrzeugen treten mächtig auf das Gaspedal. Viele Einheimische leben heute vom Tourismus und machen sich morgens zeitig auf den Weg, um in Hotels und dem Dienstleistungsgewerbe ihren Dienst anzutreten. Da ich mir als Vorbereitung für den Ausflug zu den Kreidefelsen bereits daheim mit dem Webdienst Google Earth einen Überblick über die geografischen Gegebenheiten „vor Ort“ verschafft habe, finde ich den anvisierten Parkplatz am nördlichen Stadtrand gleich auf Anhieb.

Deutschlands kleinster Nationalpark

Gut bepackt mit Kameratasche und Stativ, das ich zu Gunsten der Freiheit meiner Arme stets auf dem Rücken transportiere, folge ich dem Weg im lichten Buchenwald in Richtung Königsstuhl, den ich bis zum Mittag erreichen möchte. Der Weg von Saßnitz nach Lohme ist allein schon eine Reise nach Rügen wert. Da sich ein Großteil der Kreidefelsen in nördlicher bzw. nordöstlicher Richtung ausdehnt, erstrahlt die Küste frühmorgens im glänzenden Weiß. Doch nicht nur des Lichtes wegen ist der frühe Morgen die beste Zeit, die berühmten Felsen zu fotografieren. Seit 1990 die Kreideküste zu Deutschland kleinstem Nationalpark gehört, herrscht hier während der Sommermonate oft dichtes Gedränge auf den teils schmalen Wegen. Der unvergleichliche Blick, der sich vom Höhenweg auf die Rügener Kreidesteilküste und die Ostsee an vielen Stellen bietet, hat schon in früheren Zeiten zahlreiche Besucher angelockt. Viele Maler, Dichter und Komponisten ließen sich von den bizarren Kliffs und atemberaubenden Aussichten zu großen Werken inspirieren. Nicht zuletzt das Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ aus dem Jahre 1820 von Caspar David Friedrich machte die Land schaftweltberühmt. Ich folge dem Waldweg, der sich mal rechts mal links, stets auf- oder absteigend durch den zu dieser Jahreszeit noch lichten Wald schlängelt und beinahe nach jeder Biegung berauschende Aussichten auf die Klippen zulässt. Unzählige Male montiere ich die Kamera auf meinem Stativ, um mit wechselnden Objektiven und Brennweiten die grandiose Landschaft einzufangen. Immer wieder harre ich aus und versuche mir vorzustellen, wie die Landschaft wohl vor Millionen von Jahren entstanden ist.

Erdgeschichte im Zeitraffer

Bis vor etwa 70 Millionen Jahren ist Rügen von einem warmen Kreidemeer bedeckt. Wendige Fischsaurier und Knorpelfische, zu denen auch unsere heutigen Haifische zählen, durchstreifen mit anderen längst ausgestorbenen Arten die Meere. Daneben fristen kleine einzellige Meeresalgen ihr unscheinbares Dasein. Zusammen mit anderen Kalkbildnern lassen diese Winzlinge im Laufe der Jahrmillionen soviel Kalk entstehen, dass Dutzende von Metern messende Sedimente entstehen können. Die Zeit verrinnt, und Kontinente nehmen langsam ihre heutige Form an. Vor etwa 20.000 Jahren wird es „plötzlich“ erneut sehr kalt. Die mächtigen Eismassen der letzten Eiszeit schieben sich von Norden kommend erneut über die Region. Auch dieses Mal verpressen sie den Untergrund, schieben gewaltige Gerölllawinen vor sich her und türmen auf zur Senkrechte, wo keine Verschiebung möglich ist. Zurück bleibt Kreide in ihrer heutigen Struktur und eine kleine „Pfütze“ – die Ostsee. Vor 3.000 bis 4.000 Jahren schließlich erobern Buchen die bis dato nur von Büschen besiedelte Region. Zurück in der Gegenwart blicken wir auf die am Abgrund lebenden Bäume. Etliche sind bereits den Abhang hinunter gestürzt, auch ganze Passagen Kreide rutschen zurück ins Meer. Der Kreislauf schließt sich – die Natur nimmt ihren Lauf.

Leben am Abgrund

Es ist nicht die Kreide allein, die immer wieder Blicke auf sich zieht. Die Vielfalt der Buchen, die wie ein wärmendes Fell die nackte Kreide bedeckt, macht vielmehr den Reiz dieser grandiosen Landschaft aus. Mal jung und schmal, zum Lichte strebend, dann wieder mächtig und stark, vom Wind verbogen und jedem Wetter trotzend – nirgendwo anders in Deutschland scheint der Wald sein Dasein so abwechslungsreich wie hier auf der Halbinsel Jasmund zu gestalten. An einigen Stellen des Waldes sind die Stämme nahe dem Boden komplett mit Moos überzogen. Von weitem aus betrachtet könnte man meinen, die Bäume tragen Strümpfe. Weil neben den Moosen insbesondere die Buchen die Nebelfeuchte lieben, gedeihen diese besonders prächtig in der feuchten Meeresbrise. Nur nasse Füße – um in dieser Metapher zu bleiben – vertragen Buchen nicht. Die Bäume haben hier jedoch darunter nicht zu leiden, denn die Kreide lässt die Regengüsse, die an Rügens Küste sehr ergiebig ausfallen können, im porösen Untergrund schnell versickern. Des Weiteren kommen Buchen mit verhältnismäßig wenig Licht zum Wachsen aus – ein bedeutender Standortvorteil gegenüber den wärmeliebenden Eichen. Auch widersteht kaum ein anderer Baum dem Wind so gut wie Buchen. Unmittelbar am Abgrund scheinen hölzerne Muskelstränge unter der Baumhaut die kräftigen Exemplare vor dem Absturz zu bewahren. Doch ob das auch bei meiner Wandung heute so bleibt? Wir werden sehen.

Malkasten der Natur

Vom Hochuferweg aus, der sich entlang der Klippen schlängelt, führen mehrere solide Holztreppen bequem zum Ostseestrand hinab. Am Fuß der Kreidefelsen liegt ein Teppich aus schwarzen Feuersteinen, der als schmales Band das smaragdfarbene Meer vom weiß gefärbten Kliff trennt. Während auf der Landseite Einbuchtungen und Erhebungen in rhythmischer Monotonie miteinander abwechseln und herabgefallene Bäume von der Endlichkeit des Seins zeugen, spielt auf der Seeseite die Ostsee mit immer neuem Farbenspiel auf. Etwas weiter von den Holztreppen entfernt, völlig einsam und ohne jedes Zeichen einer Zivilisation, fällt es nicht schwer, an diesem Ort die Seele eine Weile baumeln zu lassen. Immer wieder schweift der Blick von der Küste über die farbenfrohe Ostsee. Die unterschiedliche Wassertiefe spiegelt sich in diversen Färbungen wieder, die von blau über türkis, hellgrün bis dunkelgrün reichen. Beim Kontakt mit der sich auflösenden Kreide entstehen an manchen Stellen Tönungen, die einem überdimensionalen Malkasten entsprungen sein könnten. Vom Hochuferweg aus sind diese über hundert Meter langen Kreideschlieren besonders gut zu erkennen.

Unsichtbarer Nationalpark

Wenn das warme Licht des Morgens einer intensiven Beleuchtung gewichen ist, bietet sich ein zirkularer Polfilter an, um vor allem die Färbung des Meeres in all ihren Nuancen mit der Kamera besser einzufangen zu können. Erst jetzt fällt mir auf, dass mir seit Stunden niemand begegnet ist, wohl wissend, dass dies bestimmt nicht immer so ist. Ich hatte meine Kamera samt Stativ erneut ziemlich nahe am Abgrund montiert, um mit verschiedenen Kameraeinstellungen zu experimentieren, als mich eine freundliche, aber eindringliche Stimme zusammenzucken ließ. „Was tun Sie da“, so etwa sinngemäß lautete die Frage eines Rangers, der sich unbemerkt aus dem hinter mir liegenden Wald genähert hatte. Der Zweck meines Daseins war natürlich nicht zu übersehen. Der Ranger konnte sein Grinsen nicht verbergen, als er merkte, dass sein Vorhaben, mir einen Schrecken einzujagen, ihm offenbar bestens gelungen war. „Es ist nicht so leicht, die vielen Besucher jedes Jahr auf den Wegen des Nationalparks zu halten.“ Fuhr er fort. Auch wenn die tödlichen Zwischenfälle selten geworden sind, geraten hin und wieder immer noch Leute in Bergnot. „Wir hier im Nationalpark Jasmund hoffen,“ so erklärt der Ranger weiter, „dass die Besucher einen befestigten Weg schon allein wegen der Bequemlichkeit dem freien Umherlaufen vorziehen.“ Allein ein Blick auf die Schuhe der Besucher zeigt, warum dieses Konzept bis jetzt ganz gut trägt. Dann kommen wir schnell auf die üblichen Themen zu sprechen, die Nationalparkhüter in aller Welt bewegen: Schutz der Natur (naturbelassenes Areal) kontra Schutz der Besucher (Eingreifen in die Natur), Müllentsorgung und Kanalisation der Besucherströme zu Besucherzentren. Der Idealfall schließlich wäre ein „unsichtbarer Nationalpark“ – so jedenfalls könnte das Fazit unserer Unterhaltung lauten.

Altes Seebad in neuem Glanz

Binz ist das größte Seebad der Insel Rügen und liegt an einer der zauberhaftesten Buchten der Insel, der Prorer Wiek. Einzigartig wie in keinem anderen Seebad der Insel zeigt sich in Binz die Bäderarchitektur. In den letzten Jahren wurden zwar ganze Ortsteile neu angelegt, weil die ursprünglichen Dörfer nicht direkt am Meer lagen, aber die Geschlossenheit in der historischen Bebauung entlang der Promenade und einzelner Straßen blieb bis zum heutigen Tage erhalten. So erhielt die Bäderarchitektur eine neue Funktion: die der Sehenswürdigkeit. Ihre erste Blütezeit erlebte Binz jedoch zwischen 1880 und 1930, als der Jugendstil Einzug hielt. Die verspielten Ornamente und Rosetten an den Villen sowie die Türmchen und Erker erinnern daran und bieten eine Fülle von fotografischen Motiven. Durch den Wiederaufbau und die aufwändige Restaurierung der Häuser ist in Binz der Charme vergangener Tage allgegenwärtig. Kein Seebad an der Ostsee besitzt heute einen ähnlich gut erhaltenen Ortskern dieses Stils.

Seebrücke von Sellin

Eines der am meisten fotografierten Motive neben den Kreidefelsen ist die fast 400 Meter lange Seebrücke von Sellin, die eine Rekonstruktion des Originals von 1927 ist. Mehrfach trug dieser Übergang durch Stürme, Eis und Feuer starke Schäden davon. Zweimal, 1924 und 1942, wurde sie und das Brückenhaus völlig zerstört. 1978 schließlich musste die gesamte Anlage auf Grund des stark baufälligen Zustandes abgerissen werden. Erst nach dem Neubau in den 90er Jahren erhielt die Seebrücke ihr heutiges Aussehen und stellt heute ein Meisterstück der Bäderarchitektur vergangener Zeiten dar. Da man neben der schönen Ansicht am Tag auch unbedingt die imposante Beleuchtung bei Nacht sehen sollte, ist eine späte Ankunft empfehlenswert. Vom Ende der Wilhelmstraße, unmittelbar an der Küste, führt eine solide Holztreppe mit 87 Stufen direkt hinunter zur Brücke. Einem Schmuckstück ähnlich erheben sich die weißen Aufbauten der Brücke als Zierde im Abendlicht. Zwei Restaurants auf der Brücke laden zu einer Tasse heißer Schokolade oder anderen Köstlichkeiten ein: Ob im lichtdurchfluteten Palmengarten, der sich über zwei Etagen erstreckt, oder den an die Zwanziger Jahre erinnernden Kaiserpavillon, stets hat man von nahezu allen Plätzen einen freien Blick auf das Meer und den malerischen Strand. Von besonderem Reiz ist auch der etwa 100 Plätze umfassende Kaisersaal im oberen Teil des Seebrückengebäudes. Bei fortgeschrittener Dämmerung beleuchtet ein Meer von Lampen die äußere Fassade und die Stege. Schnell eile ich nach draußen, um jetzt mit Kamera und Stativ gerüstet, die eigentümliche Lichterstimmung des schnell verblassenden Himmels nicht zu verpassen. Indem ich über die Treppe den Heimweg antrete, mache ich etliche Male halt, um immer wieder meine Kamera auf die in der Dunkelheit funkelnde Seebrücke zu richten. So geht ein erfolgreicher Fototag dem Ende entgegen, und ich habe den Eindruck, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein. Die Seebrücke von Sellin ist eine Oase der Erholung und in der blau en Stunde ein fotografischer Leckerbissen.

Publikation

Ise, W. (2008) Ein Tag auf Rügen. DigitalPHOTO (3); 102-106

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